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Am 12. Dezember 1998 landete sogar Abdullah Öcalan in Rom, der Anführer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die seit 1984 im Südosten der Türkei rebelliert. Er beantragte politisches Asyl, die Regierung D'Alema sicherte ihm jedoch keinen Schutz zu. Am 15. Februar 1999 wurde er vom türkischen Geheimdienst in Nairobi gefangengenommen, um anschließend auf die Gefängnisinsel İmralı überführt zu werden, wo er bis heute in lebenslanger Haft sitzt.
Doch nicht alle Kurden erreichten das Ziel. Am 16. Oktober 1998 brach der Motor eines im Libanon ausgelaufenen, alten Fischerbootes mit 75 Passagieren an Bord zusammen und zwang sie zur Notlandung an der zyprischen Küste. Sie legten an der südlichsten Spitze der Insel an. Akrotiri. Das damals wie auch heute unter der Kontrolle der britischen Autorität stand. Das wurde ihnen zum Verhängnis.
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"Wenn ich ins Paradies komme, wird Gott mir auf die Erde zurückschicken, weil ich keine Staatsangehörigkeit habe." Mustafa J. S. ist am 3. Januar 1974 geboren. Auf dem zerknitterten syrischen Personalausweis steht unter dem Stichwort Nationalität "staatenlos". Er ist in Syrien geboren und aufgewachsen, aber offiziell ist er Bürger keines Staates. Die Geschichte seiner Familie beginnt im 19. Jahrhundert, als ein armenischer Junge die Türkei verließ, um sich in einem von Kurden bewohnten, syrischen Dorf niederzulassen.

Im März 1997, anlässlich des Newroz, der kurdischen Neujahrsfeierlichkeiten, akzeptiert die Gruppe trotz aller Bedenken, auf einem Platz von Al Hasakah zu spielen. Am Ende des Konzerts, kaum von der Bühne gestiegen, werfen einige Polizisten Mustafa zu Boden und fangen vor den Zuschauern an, auf ihn einzuschlagen. Danach bringen sie ihn weg. Er wird 72 Stunden lang im Polizeikommissariat festgehalten. Drei Tage Schläge und Folterungen. Ein Freund hatte es ihm gesagt. Den stärksten Schmerz spürst du in den ersten fünf Minuten, aber wenn du es schaffst, während der ersten halben Stunde Prügel die Kontrolle zu bewahren, spürst du nachher nichts mehr. So kam es. Vier Agenten schlagen auf ihn ein, acht Stunden durchgehend. Sie fragen ihn nach den Namen der Anführer der kurdischen Resistenz. Er sagt, er wisse von nichts. Schließlich fangen sie an, ihn mit einem schwarzen Kunststoffrohr zu prügeln. Er schafft es, ihnen das Rohr aus den Händen zu reißen und fängt an, auf sich selbst einzuschlagen. "Ich erledige das selber, mich umzubringen, wenn es das ist was ihr wollt, ich weiß nichts!".

Mustafa wollte mit dem Spielen aufhören. Er sagte seinen Freunden, dass er die Gruppe verlassen werde. Aber sie beharrten und überredeten ihn, auf die Bühne zurückzukehren. Das tat er. Es war der Erste Mai 1998. Tag der Arbeit. Die syrische kommunistische Partei hatte eine große Veranstaltung in Al Hasakah organisiert. Mustafa ersparte Syrien keine Kritiken und erinnerte an die 5.000 Märtyrer von Halabja, im Irak, die 1988 von der Luftwaffe Saddam Husseins vergast wurden. Gleich nach dem Auftritt, auf dem Heimweg zu Fuß, sah Mustafa drei Polizeiautos vor seinem Haus. Er rannte zu einem Freund und ließ einen Jungen schicken, um herauszufinden, was los sei. Die Nachricht der Mutter war klar: weglaufen. Mustafa flüchtete in ein Nachbarland, zur Schwester seines Vaters. Der Onkel half ihm bei der Flucht. Zuerst Damaskus, dann Beirut, im Libanon. Und von dort Tarabulus, wo er sich nach Italien einschiffte, um sich dann in Zypern festsitzend wiederzufinden.
Noch heute kann Mustafa nicht nach Syrien zurückkehren. Erst recht nicht, weil er nun eine Frau und zwei Kinder hat. Der Junge, Ibrahim, ist in der SBA geboren. Das Mädchen, Fatma, in Zypern. Auch sie haben keine Staatsangehörigkeit. Und auf den Identitätskarten der Eltern steht "unbestimmte Nationalität". Die Ehefrau, Pawkee, Jahrgang 1972, stammt aus Burma. Sie befand sich in Zypern als Hausangestellte, dann verlor sie ihre Arbeit und Dokumente und suchte um Asyl an. Bis 2004, vor dem Eintritt Zyperns in die EU, durfte Mustafa weder die Basis verlassen, noch arbeiten. Endlich, im Januar 2007, nach über acht Jahren Warten, wurde er vom zyprischen Staat als Flüchtling anerkannt. 2004 hat Zypern nämlich ein Memorandum of Understanding mit den SBA unterzeichnet, um sich der zirka 60 Asylantragstellern in den englischen Basen und der 16 Kinder, die nach ihrer Ankunft geboren wurden, anzunehmen. Jetzt arbeitet Mustafa als Maurer. Er hat eine Bouzouki gekauft, aber die Kinder haben sie kaputt gemacht. Und dann haben seine Hände auch nicht mehr die Feinsinnigkeit von damals, die Finger haben Schwielen.
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Zehn Jahre später sitzt er immer noch in Zypern fest. In der Zwischenzeit hat er weitere vier Kinder bekommen, sein Asylantrag wurde zweimal abgelehnt, und bis heute darf er nicht arbeiten. Man hat ihm mitgeteilt, er solle einen neuen Asylantrag bei den zyprischen Behörden einreichen. Aber er will nichts davon wissen. Wie denn? – sagt er – nach zehn Jahren Limbus, nach zwei Jahren Gefangenschaft mit meiner Frau und zwei Babys, in Episkopi, soll ich nun mit allem von vorne beginnen? Um weitere wie viele Jahre zu warten? Wahrscheinlich ist das, was Said nicht ertragen kann, der Gedanke, zehn Jahre lang unter Freiheitsberaubung gelebt zu haben. Zehn Jahre, die ihm niemand je zurückgeben wird. So wie keiner je den Menschen das Leben zurückgeben wird, die es verloren haben, um Europa zu betreten. Ihnen wird kein Recht zuteil werden. Und letzten Endes auch keine Erinnerung.
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Die Massaker von Migranten und Flüchtlingen an den Grenzen Europas gehen unerschütterlich weiter, begleitet vom Zynismus und der Gleichgültigkeit Europas und der Mittelmeerstaaten. Der Septemberbericht spricht von 191 urkundlich belegten Todesfällen. Neben dem Schiffsbruch der Ägypter und der Auffindung in Antigua registriert die Chronik 54 Opfer im Kanal von Sizilien, davon 35 in einem einzigen Schiffsbruch im Meer vor Malta. Indes starb ein Mann auf der Route zwischen Algerien und Sardinien. Vor den Kanarischen Inseln wurde am 4. September ein Boot mit 13 Toten an Bord abgefangen; die weiteren Passagiere waren stark dehydratisiert. Sie waren 12 Tage zuvor von Mauretanien aus aufgebrochen. Ein weiterer lebloser Körper wurde im Meer aufgefunden, eine fünfzehnte Person starb wenige Tage später im Krankenhaus. Und in Mauretanien starben zwei Männer, nachdem man sie aus Marokko verwiesen und mitten in der Wüste ausgesetzt hatte.
Schließlich sind 21 Flüchtlinge aus Eritrea und Äthiopien in einem Fluss im Sudan bei dem Versuch ertrunken, Khartum auf illegalem Weg zu erreichen, um dann die Reise nach Libyen fortzusetzen. Zwei Männer wurden von den Schüssen der ägyptischen Polizei an der Grenze zu Israel getötet. Ein afghanischer Junge im Alter von 16 Jahren wurde tot im Hafen von Brindisi gefunden, versteckt in einem Lkw, der in Griechenland aufgebrochen war. Und in Griechenland sind vier Männer in den Minenfeldern von Evros, an der Grenze zur Türkei, gestorben.
Für Vertiefungen zur Situation der Kurden
Gabriele Del Grande. Die Fotos in Schwarzweiß wurden freundlicherweise von Elisabeth Cosimi zur Verfügung gestellt